Keynote Lecture: Rettet die Medizin! Vom Patienten- zum Systemarzt

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich der Charakter der Medizin und die Rolle des Arztes in allen Industrieländern fundamental verändert. Waren Ärzte ehemals nur ihrem Gewissen und ihren Patienten verpflichtete interdisziplinäre Denker und Entscheider, so verloren sie schrittweise ihre Entscheidungsbefugnisse darüber, wie sie ihren Beruf ausüben. Der Grund liegt in einer unkritisch vollzogenen Ökonomisierung der Medizin.

Es führt kein Weg an einer Rückbesinnung auf den wahren Sinnkern der Medizin vorbei, sonst wird sie nicht nur enthumanisiert, sondern auch inhuman. Ziel dabei ist, Ärzte zu einer aktiven, führenden Teilhabe an den Veränderungsprozessen innerhalb der Medizin zu befähigen. Nur Ärzte verfügen über die erforderliche Fachkompetenz und Praxiserfahrung, um über eine sinnvolle Ressourcenverteilung und über zentrale Weichenstellungen zu entscheiden, da sie die komplexen Folgewirkungen für Patienten und deren Behandlung abschätzen können. Entscheidend dabei ist, die Patientenfixierung aufzugeben und sich zum Wohle der Patienten auch dem kränkelnden System zuzuwenden.

Der Weg führt von einer Klärung der Ziele über die Entwicklung praxisnaher Veränderungskonzepte. Dies könnte mit einer anonymisierten, von Ärztekammern und Fachgesellschaften unterstützten interaktiven Webumfrage beginnen. In einem zweiten Schritt käme eine bewährte Beteiligungssoftware zum Einsatz, um in einem mehrstufigen Verfahren konkrete Verbesserungsmöglichkeiten aus der „Weisheit der Vielen“ zu generieren. Schließlich ließe sich eine Kommunikationsplattform zum Erfahrungs- und Ideenaustausch und zur konkreten Planung von Veränderungsprojekten für Ärzte nutzen, die schrittweise auf andere Gruppen, vor allem Pflege, Management und Verwaltung, ausgeweitet werden sollte. Auf diese Weise würde eine Welle erzeugt, die schließlich auch die Gesellschaft erfasst.

Dass eine solche Konzeptentwicklung funktioniert, zeigt „REimagine MEDICINE“, ein crossmediales Veränderungsprojekt der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), das Peter Pramstaller mit der Gebrüder Beetz Filmproduktion entwickelte und umsetzte. Die DGN hatte dieses online-basierte „Graswurzelprojekt“ im vergangenen Jahr ins Leben gerufen, um die Mitglieder zu einem Stimmungsbild aufzufordern und Lösungsansätze zu generieren. Bis Ende März 2019 hatten auf der Website https://re-imagine-medicine.de fast 2000 User teilgenommen und Vorschläge eingebracht, etwa zur weiteren Verbesserung der Nachwuchsförderung, zu Aus- und Weiterbildung, Digitalisierung, fachübergreifenden Kooperationen und zur Zukunft des Arztberufes. Ein überwiegender Teil der befragten Neurologen glaubt, dass es einer wirklichen Neuausrichtung des Gesundheitssystems bedürfe, um bessere Medizin zu machen.

Peter P. Pramstaller ist Neurologe am Zentralkrankenhaus Bozen, Wissenschaftler sowie Gründungsdirektor und Leiter des Institutes für Biomedizin am Eurac Research in Bozen (Italien), einem An-Institut der Universität zu Lübeck. Er beschäftigt er sich seit über 15 Jahren mit der Optimierung der Schnittfläche von Medizin, Wissenschaft und Management. Seinem Medizinstudium in Innsbruck folgten seine Facharztausbildung in Verona, Heidelberg und London sowie seine Habilitation an der Medizinischen Universität zu Lübeck. Er ist Autor von über 300 wissenschaftlichen Publikationen in internationalen Zeitschriften sowie der Fachbücher „RESCUE THE DOCTOR. What doctors urgently need to know about the new world of healthcare” und “RETTET DIE MEDIZIN! Wie Ärzte das Ruder wieder selbst in die Hand nehmen können“. Neben seiner medizinisch-wissenschaftlichen Tätigkeit gilt sein Hauptinteresse der Entwicklung, Übertragung und praxisnahen Umsetzung von neuen, ärztezentrierten Denk- und Managementmodellen im Healthcare Bereich.