Festvortrag: Für eine neue Ethik der Fürsorge

Der Festvortrag von Professor Maio ist nur während des Live-Kongresses online abrufbar. Ab dem 12.10.2020 steht der Vortrag nicht mehr zur Verfügung.

Das Gesundheitssystem belohnt Aktionismus in Form von finanziell abrechenbaren Prozeduren. Diese Anreize könnten Ärzte dazu verleiten, die Bedeutsamkeit einer sorgsamen Indikation zu unterschätzen. Denn ein Arzt, der den Patienten gründlich untersucht und ihm von einer Operation abrät, hat viel geleistet, weil er gut beraten hat; diese Beratungsleistung wird im System aber nicht abgebildet. In den heutigen Zeiten der Ökonomisierung sei die Reflexion auf die Indikation daher zentral, meint Giovanni Maio und plädiert in seinem neuen Buch „Werte für die Medizin: Warum die Heilberufe ihre eigene Identität verteidigen müssen“ für eine Rückbesinnung auf Werte wie Geduld, Behutsamkeit und Demut, ohne die Fürsorge für den Menschen nicht möglich ist.

Im Anschluss an den Vortrag von Giovanni Maio wird Professor Dr. med. Jens Martin Rohrbach einen Blick zurück in die Vergangenheit werfen, auf ein großes ärztliches Vorbild, und die Frage stellen: Was hätte wohl Albrecht von Graefe zu den heutigen Bedingungen gesagt? Wie der Gründer der DOG genau indizierte, wissen wir zwar nicht. Wir können es uns aber anhand des überlieferten, umfangreichen Schrifttums gut denken. Unbeschadet des Umstands, dass Graefe nicht umsonst arbeitete und er bei Wohlhabenden durchaus auf einem Honorar bestand, ging es ihm ganz unabhängig von jeglicher Ökonomie zu allererst um das Wohl der Kranken. Dabei orientierte er sich stets an Wissenschaft und Wahrheit. Die eine oder andere der heutigen Entwicklungen hätte Albrecht von Graefe deshalb wahrscheinlich kritisch gesehen.

Der gebürtige Italiener Professor Dr. med. Giovanni Maio studierte Medizin und Philosophie und war anschließend als Internist tätig. Im Jahr 2002 berief die Bundesregierung ihn in die Zentrale Ethikkommission für Stammzellenforschung. Er ist außerdem Mitglied verschiedener Ethikbeiräte, wie zum Beispiel des Ausschusses für ethische und juristische Grundsatzfragen der Bundesärztekammer. Seit 2005 ist Maio Direktor des Interdisziplinären Ethikzentrums in Freiburg und des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin. Seine Lehrtätigkeiten wurden mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. In über 300 Publikationen hat sich Maio mit ethischen Grundfragen des ärztlichen Handelns und des medizintechnischen Fortschritts auseinandergesetzt. Er kritisiert die Machbarkeitsvorstellungen einer technisierten Medizin und tritt für eine neue Ethik der Besonnenheit ein.

Professor Dr. med. Jens Martin Rohrbach, Leiter des Forschungsbereichs Geschichte der Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Eberhardt Karls Universität Tübingen, hat sich jahrzehntelang der Geschichte der Augenheilkunde gewidmet und deren Gegenwart und Zukunft im historischen Kontext reflektiert. Er ist Autor der Monografie „Augenheilkunde im Nationalsozialismus“, Mit-Herausgeber des Schriftwechsels „Albrecht von Graefe an Frans Cornelis Donders: Briefe 1852 bis 1870“ und Verfasser der neuen von-Graefe-Biographie „Zum 150. Todestag. Albrecht von Graefe (1828-1870). Das Gewissen der Augenheilkunde in Deutschland.“ Martin Rohrbachs klinischer Schwerpunkt liegt auf den Erkrankungen der vorderen Augenabschnitte, seine Forschungsschwerpunkte vor allem in der Ophthalmopathologie von Erkrankungen der Hornhaut, Tumoren des Auges und dem Sekundärglaukom. Rohrbach ist Autor von über 230 Originalarbeiten und mehreren Lehrbüchern.