„Eine große Herausforderung für uns alle“ – Interview mit dem Präsidenten

Herr Professor Hoerauf, Sie sind der erste Präsident in der Geschichte der DOG, der einen virtuellen Kongress verantwortet. Wie fühlt sich dieser „Sonderstatus“ an?

Prof. Hans Hoerauf: Darauf hätte ich liebend gerne verzichtet, um ehrlich zu sein. Als dem Präsidium klar wurde, dass eine Präsenzveranstaltung nicht in Frage kommt, haben wir uns aber sehr schnell dieser neuen Herausforderung gestellt – wir wollten nach dem Ausfall der beiden anderen großen Augenärztetagungen, der AAD und dem DOC, den Kolleginnen und Kollegen zumindest einen fachlich-wissenschaftlichen Austausch ermöglichen. Der Präsenzkongress war mit einem Jahr Vorlauf und viel Herzblut bereits komplett organisiert, als Ende Mai die Entscheidung für den Online-Kongress fiel. Wir mussten also unter hohem Zeitdruck so gut wie alles neu planen, ein völlig neues Kongresskonzept erarbeiten. Das hat für alle Beteiligten deutlich mehr Arbeit bedeutet, und ich möchte mich an dieser Stelle bei der DOG-Geschäftsstelle, Programm-Kommission, Kongressveranstalter- und -technik, Industrie sowie alle anderen für diesen Einsatz herzlich bedanken! Es ist für uns der erste Online-Kongress, und natürlich bleiben Unsicherheiten. Wir werden sicherlich eine Lernkurve durchlaufen und unsere Erfahrungen auswerten. Klar ist auch: Es fehlt der festliche Rahmen der Eröffnungsveranstaltung, der gemeinsame Kaffee zwischendurch, der gebührende Rahmen für unsere Preisträgerinnen und Preisträger, der gemeinsame Festabend, das DOG-Clubbing und vieles mehr. Ich bedaure dies sehr und hoffe, dass diese virtuelle Zeit bald hinter uns liegt.

Wie bewerten Sie das Online-Format?

Prof. Hans Hoerauf: Da die Aufmerksamkeitsspanne am Bildschirm weniger lang ist als bei einem Live-Vortrag, mussten wir das Programm kürzen und konnten leider viele interessante Kurse nicht mit aufnehmen. Wir haben aber versucht, von Grundlagenforschung über klinische Forschung bis zur Weiterbildung alle Bereiche abzubilden und bewährte Formate wie die Symposien, das DOG-Update, das Consilium Diagnosticum und das Forum Digital beizubehalten. Auch sollte weiterhin ein englischsprachiges Programm angeboten werden, weshalb der Experts Day zum International Expert Talk wurde und sich als Fortbildungsformat mit dem DOG-Update abwechselt. Besonders am Herzen lag uns, die freien wissenschaftlichen Beiträge zu erhalten, und wir werden einen großen Teil präsentieren und diskutieren können. Hier kommt ein Vorteil des Online-Formats ins Spiel: Alle freien Beiträge und viele Sitzungen können bis zu zwei Monate nach dem Kongress abgerufen und somit „nachgeschaut“ werden. Sie verpassen also nichts mehr, wenn zwei Sitzungen parallel laufen, für die Sie sich interessieren! Weiterer Pluspunkt: Da wir die Vorträge und Referate vor dem Kongress aufzeichnen, um technischen Problemen vorzubeugen, werden die Redezeiten eingehalten, und es bleibt genügend Zeit für die Diskussion. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es leichter fällt, online in Interaktion zu treten – denn es entfällt die Hemmung, sich im Hörsaal mit einer vermeintlich „dummen“ Frage zu outen. Wir haben jedenfalls jede Sitzung mit ausreichend Moderatoren besetzt, die Fragen entgegennehmen. Vielleicht zeigt sich auch, dass einige Präsenzsitzungen online genauso gut abgehalten werden können, wie etwa die vielen, sicherlich wichtigen Arbeitssitzungen, die aber oft leider parallel zum wissenschaftlichen Programm laufen. Aber die Kommunikation untereinander, das informelle Gespräch am Rande, den Austausch persönlicher Erfahrungen, das kann eine virtuelle Tagung natürlich nicht abbilden.

Auf welche Highlights dürfen sich die Teilnehmer freuen?

Prof. Hans Hoerauf: Es fällt sehr schwer, bei dem ohnehin auf hochattraktive Beiträge kondensierten Programm eine Empfehlung auszusprechen. Zu den Highlights zählen für mich die Festvorträge und die drei Keynote Lectures. Ich bin sehr froh, dass Professor Giovanni Maio zugesagt hat, seinen Festvortrag über Gedanken zur ärztlichen Ethik in der Gegenwart auch in virtueller Form zu halten. In den heutigen Zeiten zunehmender Ökonomisierung erscheint es für mich sehr wichtig, auf Fehlanreize hinzuweisen. Als Arzt den Patienten ausreden zu lassen, ausreichend Zeit für das Patientengespräch zu finden, um gemeinsam die richtige Entscheidung zu treffen, und, falls geboten und möglich, zunächst den Verlauf abzuwarten, ohne unter Zeitdruck für den Patienten eventuell folgenreiche Entscheidungen zu treffen, geriet in den zurückliegenden Jahren immer mehr in den Hintergrund. Werte, die Albrecht von Graefe sehr wichtig waren. Es freut mich daher besonders, dass Professor Jens Martin Rohrbach im Graefe-Jahr an die Rede von Professor Maio anknüpfen und die Brücke zum Begründer unserer DOG, Albrecht von Graefe, schlagen wird, für den ärztliche Werte wie die korrekte Indikationsstellung und die Empathie für den Patienten im Mittelpunkt seines Handelns standen. Dass heute die Rahmenbedingungen angesichts wirtschaftlicher Zwänge es fast unmöglich machen, genau diese Werte umzusetzen, wird Professor Peter P. Pramstaller – Autor einiger bekannter Bücher zu diesem Thema – in seiner Keynote Lecture thematisieren. Professor Ferenc Kuhn, ISOT-Präsident und internationaler Experte für Augenverletzungen, schildert in seiner Keynote Lecture, wie Kommunikation zwischen Arzt und Patient auch unter schwierigen Bedingungen besser gelingen kann. Dr. med. Adrian Hopkins wird schließlich den Blick über Ländergrenzen hinweg erheben und in seiner Keynote Lecture darlegen, welche Ziele der „Vision 2020“ weltweit erreicht worden sind und welche in Zukunft angegangen werden sollen.

Was ist aus Ihrer Sicht in diesem Jahr besonders relevant für die Praxis?

Prof. Hans Hoerauf: Das bewährte Format DOG-Update findet 2020 auch virtuell statt, am Freitag, Samstag und Sonntag, wie gewohnt mit konkreten und praxisnahen Empfehlungen aus aktuellen wissenschaftlichen Publikationen zu allen wichtigen Subspezialitäten der Augenheilkunde – ich denke, über klinisch relevante Neuerungen kann man sich kaum besser und kompakter informieren. Empfehlenswert ist zudem eine Video-Sitzung unter Vorsitz von Professor Thomas Kohnen, in der drei international herausragende Kataraktchirurgen besonders komplexe Fälle demonstrieren. Die ophthalmo-chirurgische Session dürfte nicht zuletzt deshalb besonders spannend werden, weil die Experten zwischendurch in Interaktion mit den Zuschauern treten und fragen: Was würden Sie jetzt in dieser Situation tun? Schließlich bietet auch das Forum Digital für alle praktisch tätigen Kollegen interessante Themen, darunter rechtliche Aspekte zu Arztbewertungsportalen oder Onlineauftritt, Datenschutz für Ärzte oder Tele-Ophthalmologie. Für die Teilnahme an der DOG 2020 online gibt es bis zu 18 CME-Punkte.

Ihr persönlicher Tipp für den Kongress?

Prof. Hans Hoerauf: Ich freue mich schon sehr auf das Consilium Diagnosticum, das auch in diesem Jahr als virtuelles Format das Ziel verfolgt, Wissen auf sehr unterhaltsame und spannende Art und Weise zu vermitteln. Mein Tipp für die Pausen: Nutzen Sie die Gelegenheit, mit einer Tasse Kaffee vor dem Monitor einen Gang durch die virtuell wirklich sehr gut umgesetzte Industrieausstellung zu unternehmen – die Firmen haben uns in diesem auch für die Industrie wirtschaftlich nicht ganz einfachen Jahr die Treue gehalten. Mein Tipp für den Abend: Als Bettlektüre empfehle ich zur Vertiefung des Online-Kongresses die neue Graefe-Biographie von Martin Rohrbach, die den Menschen, Arzt und Wissenschaftler Albrecht von Graefe facettenreich beleuchtet. Zu guter Letzt möchte ich allen Kongressteilnehmenden die gelungenen T-Shirts, Taschen und Baseball-Caps mit von-Graefe-Motiven ans Herz legen, die Schülerinnen und Schüler der von-Graefe-Schule in Berlin-Kreuzberg gestaltet haben. Sie sind über die DOG-Homepage bestellbar.